Winnies Schatten

Es war ein grauer, nebliger Tag im Hundertmorgenwald, und Winnie Puuh spürte ein beklemmendes Gefühl in seiner Brust. Der Honig, den er so sehr liebte, war auf mysteriöse Weise verschwunden. Die Bäume schienen ihn anzugreifen, ihre knorrigen Äste wie krumme Finger, die nach ihm griffen, und der Himmel war in ein düsteres Grau gehüllt.

Puuh hatte gehört, dass die dichten Schatten um den alten Baumstumpf am Ende des Waldes etwas mit dem Verschwinden seines geliebten Honigs zu tun hatten. Die anderen Tiere hatten geflüstert, dass dort eine dunkle Macht wohnte, die sich an den süßen Träumen des Waldes labte.

Mit klopfendem Herzen machte er sich auf den Weg. Der Nebel wurde dicker, und das Zwitschern der Vögel verstummte. Puuh fühlte, wie die Kälte sich von seinen Pfoten

bis in sein Herz schlich. Er erinnerte sich an die Geschichten, die Eule erzählt hatte, Geschichten über die Kreatur, die in den Schatten lebte und alles Honigartige stehlen konnte.

Als Puuh den alten Baumstumpf erreichte, sah er eine düstere Gestalt, die sich zwischen den Schatten bewegte. Ein leises Summen durchdrang die Stille, und es fühlte sich an, als ob der Wind traurig seufzte. „Wer wagt es, meine Ruhe zu stören?“ dröhnte eine tiefe Stimme.

Puuh zitterte vor Angst, doch sein Verlangen nach Honig war stärker als seine Furcht. „Ich bin Winnie Puuh, und ich suche nach meinem Honig. Er ist verschwunden, und ich kann nicht leben, ohne ihn.“

Die Gestalt trat näher, und Puuh erkannte eine schwarze Biene, deren Augen funkelten wie Flammen. „Dein Honig ist nicht einfach verschwunden, kleiner Bär. Er gehört jetzt mir. Ich habe

mit dem Nebel und den Schatten einen Pakt geschlossen, und alles, was süß ist, gehört mir.“

Puuh fühlte, wie sein Herz schwerer wurde. „Aber ohne Honig… ich kann nicht leben. Er gibt mir Kraft und Freude!“

Die Biene lachte, ein schreckliches, hallendes Geräusch. „Freude? Was weißt du von Freude, wenn du in der Dunkelheit lebst? Honig ist nur ein Flüstern deines Traumes, ein Schatten in der Wirklichkeit. Gib

es auf!“

Verzweiflung überkam Winnie. In diesem Moment erinnerte er sich an seine Freunde, seine Abenteuer und die Wärme des Waldes. „Nein! Ich werde nicht aufgeben“, rief er. „Ich werde für meinen Honig kämpfen.“

Mit einem mutigen Schritt trat Puuh vor die Biene. „Ich werde meinen Honig zurückholen, egal was es kostet!“

Das Lachen der Biene verstummte, und ein Geist der Überraschung schwebte durch die kühle Luft. In diesem Moment bemerkte Puuh eine Gruppe von Krokussen, die durch den Nebel schimmerten. Sie waren die Träumer des Waldes, und ihr Nektar war magisch. „Wenn ich diese Krokusse finde und mit ihr zu tun habe, kann ich die Dunkelheit vertreiben“, dachte er.

Die Biene schnappte den Hinweis und kam näher. „Was hast du dir vorgenommen,

kleiner Bär?“

„Du könntest die Dunkelheit nicht aufhalten, selbst wenn du es wolltest!“, rief er. Mit all seiner Kraft begann Puuh, die Krokusse zu sammeln. Die Biene spürte den Widerstand, die Macht des Glaubens an Freude und Freundschaft.

Plötzlich umhüllte ein Licht die beiden, und die Dunkelheit begann zu schmelzen. Die Biene schrie vor Wut und verschwand in den Schatten, während der Wald sich langsam erhellte.

Winnie Puuh fand zurück zu seinen Freunden, und obwohl der Honig nicht sofort zurückkehrte, wusste er, dass die wahre Süße im Herzen des Waldes lag – in der Liebe und Freundschaft, die sie miteinander teilten. Der Nebel zog sich zurück, und der Hundertmorgenwald begann, seine Farben zurückzugewinnen.

Puuh war erleichtert, aber er wusste, dass die Schatten immer wieder kommen könnten. Doch er war bereit, für das, was er liebte, zu kämpfen, und sein Herz war voller Hoffnung.

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